Collegium Musicum Ansbach 1741 und die Bachwoche Ansbach 2021

ANSBACH/TRIESDORF – Noch bis zum kommenden Sonntag, 8. August 2021 ist Bachwoche in Ansbach. Als Referenz an die Stadt Ansbach und das diesjährige Jubiläum 800 Jahre Stadtnennung von Onolzbach oder Onoldisbach organisiert die Bachwoche in diesem Jahr am Mittwoch, 4. August 2021 einen Ansbach-Tag. In der Ankündigung schreibt die Bachwoche auf ihrer Homepage: „Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach unterhielten eine Hofkapelle. Wie jeder Hof im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, und derer gab es viele! Repräsentation, Unterhaltung, Kirchenmusik – die Aufgaben waren vielfältig und erforderten viel Musik. Ihre beste Zeit erlebte die Ansbacher Kapelle unter Markgraf Johann Friedrich zum Ende des 17. Jahrhunderts. Einen prächtigen Einblick in diese Wunderwelt gibt dieses repräsentative Konzert zum Abschluss des Ansbach-Tages.“

Die Ansbacher Hofmusik erwähnt Karl Heinrich Ritter von Lang in „Ansbachs Jubeljahre oder oder wie hat Ansbach, Stadt und Land, vor etwa hundert Jahren ausgesehen?“. Der Aufsatz wurde erstmalig veröffentlicht im Jahr 1833 als Beilage zum dritten Jahresbericht des historischen Vereins für den Rezatkreis (heute: Historischer Verein für Mittelfranken) und 1848 als eigenes Buch in Heftform veröffentlicht:

„Seit 1739 wurde durch die fürstliche Hofkapelle die Kirchenmusik eingeführt, wozu der Stadt= und Stiftskantor Johann Samuel Ehrmann der Gemeinde zum Mitsingen die gedruckten Texte lieferte. Seit dem 9. September 1741 begann in einem Saal des Gasthauses zur Post alle Sonnabend Nachmittag ein musikalischer Verein, Collegium Musicum genannt, mit 15 Kreuzer Eintrittsgeld. Ein Kapellmeister Bümler führte bei der Vermählung des Markgrafen 1729 eine stattliche Serenade, der Kapellmeister Friedrich Johann Meyer 1757 die Trauer=Cantate auf; noch wird genannt ein Kammermusicus Johann Friedrich Hummel und ein Hummel jun., Köhler, Kießler, Carl, Weichart, Arzt, im Jahr 1757 unter den 12 Kammermusikern auch Kiesewetter. Ein berühmter Orgelbauer war Prediger in Ansbach; der Organist Vetter zu Ergersheim verfertigte Davidsharfen“. (Lang 1848, S. 44. Abkürzungen sind hier ausgeschrieben).

Somit existierte in Ansbach neben der Hof-, Kammer- und Kirchenmusik auch eine Bürgermusik. Schon 1701 gründete Georg Philipp Telemann in Leipzig das Collegium musicum. In Ansbach war allerdings nicht ein Gastronom der Träger, sondern ein eigens dafür gegründeter Verein – wohl auch, um das wirtschaftliche Risiko auf breitere Schultern zu verteilen. Vorbild war in beiden Fällen wahrscheinlich London. „Etwa von 1650 an begann man [in London] auch in Tavernen >Consort-Rooms< zum >Entertainment< mit einer >box for ter musicians< neben den in diesen Etablissements üblichen Tischen und Stühlen einzurichten.“ (Salmen 1988, S. 22). 1701 wurde in London außerdem die „Academy of Ancient Music“ als Konzertverein gegründet (ebendort, S. 68). Für „die bürgerliche Variante höfischer Tafelmusik“ (zit. nach Christoph Wolff), wie im Programmheft zum Orchesterkonzert 1 der Bachwoche Ansbach 2021 steht, schrieb Johann Sebastian Bach seine vier Ouvertüren, wobei die Bachwoche jetzt davon die Suiten Nr. 2 (mit dem berühmten Flöten-Solo im Schlusssatz), Nr. 3 (mit dem bekannten zweiten Satz Air) und Nr. 4 vorstellte und durch das Basler Barockorchester „La Cetra“ pausenlos und umjubelt interpretieren ließ.

Der Bericht „Geschichte des vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Ansbach“ des Ritter von Lang ist bis heute eine bedeutende Quelle für die Zeit während der Regierung des Markgrafen Carl Wilhlem Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1729-1757). Unter der Regierung dieses Markgrafen wurde die Haupt- und Residenzstadt Ansbach erheblich ausgebaut und umgestaltet und nimmt deshalb einen dominierenden Teil in diesem Aufsatz ein. Der Verein der Freunde Triesdorf und Umgbung, der sich satzungsgemäß zur Aufgabe gemacht hat,„die Geschichte und das Kulturgut der ehemaligen markgräflichen Sommerresidenz Triesdorf und ihrer Umgebung zu erforschen und zu pflegen“, bereitet aktuell eine Neuausgabe mit Einführung und Kommentierung vor.

Quellen:

Bachwoche Ansbach, https://www.bachwoche.de/de/programm/konzertkategorien/festkonzert.html (Zugriff vom 3.8.2021)

Andreas Bomba, Programmheft Orchesterkonzert 1, Bachwoche Ansbach 2021

Karl Heinrich Ritter von Lang, Geschichte des vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, Ansbach 1848

Walter Salmen, Das Konzert. Eine Kulturgeschichte, München 1988

Bachwoche Ansbach 2021 in Ansbach und Heilsbronn

Am Freitag, 30. Juli 2021 beginnt die diesjährige Bachwoche in Ansbach mit einem evangelisch-lutherischen Festgottesdienst in St. Gumbertus. Es war Markgraf Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach, der seinem Hofbaumeister Hofbaudirektor Leopoldo Rettÿ 1736 den Auftrag erteilte, die Stiftskirche in eine Pfarr- und Hofkirche umzubauen. Zur Einweihung zwei Jahre später am 30.11.1738 steuerte der Hoch=Fürstlich=Onolzbachische Capellmeister Georg Heinrich Bümler eine Festkantate bei, deren Noten allerdings – da nicht gedruckt – untergegangen sind.

Dieser Hofkapellmeister Bümler ist auch das Verbindungstück zwischen Bach und Ansbach. Denn Johann Sebastian Bach war – im Gegensatz zu seinem heute ebenso berühmten Zeitgenossen Georg Friedrich Händel – selbst nie in Ansbach. Als 1790 in Hamburg die „Bildniß-Sammlung“ aus dem Besitz von Carl Philip Emanuel Bach zum Verkauf angeboten wurde, fand sich auch der Kupferstich von Georg Heinrich Bümler im Angebot. In seinem Buch „Bach in Ansbach“ kommt Hans-Joachim Schulze auf Seite 141 deshalb zu folgender Schlussfolgerung: „Nicht auszuschließen ist, daß das Exemplar des von Johann Christoph Sysang (1703-1757) nach einer Vorlage von Johann Christian Sperling (1691?-1746) gefertigten Kupferstichs, einer Darstellung, über deren Lebensechtheit [Lorenz Christoph] Mizler sich am 12. Dezember 1746 lobend äußerte, aus dem Nachlaß [des Vaters] Johann Sebastian Bach stammte.“

Georg Heinrich Bümler ist heute in Ansbach fast vergessen. Zu seinen Lebzeiten allerdings war er eine wichtige Persönlichkeit, schaffte er es doch in das „Musikalische Lexikon“, welches von Johann Gottfried Walther 1732 in Leipzig herausgegeben wurde. Dort steht: „Bümler (George Heinrich) Hochfürstlicher Anspachischer Capellmeister, ist ein berühmter Acteur, wie er denn schon An[no] 1699 in dem zu Anspach aufgeführten Dramate, genannt: le Pazzie d’Amore e dell’ Interesse, den Lindauro agiret.“ (Eintrag abgedruckt bei Schulze 2013, S. 135). Sicher, Ansbach war mit seiner markgräflichen Hofkapelle selbst eine bedeutende Musikstadt im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Wie konnte Ansbach in dem Lexikon dann fehlen?

2021 gibt die Musik wieder eine Woche lang mit Johann Sebastian Bach in Ansbach den Ton an (bis Sonntag, 8. August).Dazu gibt es in diesem Jahr ein umfangreiches Programm, leider nicht in gedruckter Form. Zwar ist dies im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung auf der Höhe der Zeit. Jedoch verzichtet die Bachwoche Ansbach damit auf Präsenz in Stadt und Land und darüber hinaus. Aber klar, wir leben in Zeiten von Covid-19 und erleben überall noch die Einschränkungen durch die Corona-Epidemie. Und Kosten für das Marketing fallen in Krisenzeiten immer zuerst dem Rotstift zum Opfer. Dennoch wäre ein Heft für Gäste und Gastgeber, für Bürger und Gesellschaft, für Helfer und Veranstalter, für Politiker und Kulturschaffende angemessen gewesen, um etwas Festes in der Hand zu haben. Bereits ausverkauft sind die Highlights der diesjährigen Saison: das Chorkonzert mit dem Dresdner Kammerchor in der Klosterkirche Heilsbronn (= Grablege der Burggrafen von Nürnberg, seit 1415 auch Markgrafen von Brandenburg) und das Orchesterkonzert mit dem La Cetra Barockorchester Basel in der Orangerie Ansbach.

300 Jahre Brandenburgische Konzerte

Die sechs „Brandenburgischen Konzerte“ wurden bereits zur Ansbacher Bachwoche 2019 gegeben. Eine Wiederholung in diesem Jahr hätte sich unbedingt angeboten. Denn 1721 – also von genau 300 Jahren – schickte Johann Sebastian Bach sechs Orchesterwerke an den Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt, dem Bruder des preußischen Königs und somit Onkels der Ansbacher Markgräfin Friederike Louise. „Es gibt kein Zeugnis, ob der [Berliner] Markgraf diese für seine Musiker vielleicht zu anspruchsvollen Werke aufführen ließ, ebensowenig darüber, ob er Bachs mit besonderer Sorgfalt hergestellte Partiturabschrift der „Brandenburgischen Konzerte“ – wie man sie heute nennt – überhaupt vergütet hat.“ (Petzoldt 1959, S. 23) Leider wissen wir auch nicht, ob die Werke mit Bachs Originaltitel „Six Concerts avec plusieurs instruments“ nicht vielleicht von der Hofkapelle in Ansbach gespielt wurden. Die Chance, die Brandenburgischen Konzerte von Bach im Jubiläumsjahr in den Mittelpunkt der Bachwoche von Ansbach zu stellen und mehr über die Verbindungen in Erfahrung zu bringen, hat man leider verpasst.

Alles ist Kultur, alles ist Politik

Alles ist Kultur, alles ist Politik. Es wird sich zeigen, ob auch in Zukunft die Musik in Ansbach ihren Platz behaupten kann – und für Ansbach wichtig bleibt. Tatsächlich wird jeder Bachwöchner in diesem Jahr ein Demonstrant für Hochkultur in Ansbach sein. Ich wünsche jedem Gottesdienstteilnehmer und jedem Konzertgast viel Spaß und höchsten Genuss mit Bach & Co.

Literatur:

Attila Csampai/Dietmar Holland, Der Konzertführer, Reinbek bei Hamburg 1996

Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gumbertus Ansbach (Hg.), 250 Jahre Barocke Kirche St. Gumbertus, Ansbach 1988

Richard Petzoldt, Georg Friedrich Händel, Leizig 1955

Derselbe, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1959

Hans-Joachim Schulze, Bach in Ansbach, Leipzig 2013

Leopoldo Rettÿ – Baumeister und Architekt im Ansbachischen und in Württemberg.

Leopoldo Rettÿ –  Baumeister und Architekt im Ansbachischen und in Württemberg Schloss Ansbach| Hohenzollern Residenz
Markgraf Carl Wilhelm Friedrich holt den Baumeister und Architekten Leopoldo Rettÿ aus Ludwigsburg nach Ansbach. Seine Hauptaufgabe ist die Fertigstellung der Residenz Ansbach. Heute gilt das Schloss Ansbach als das nach Würzburg bedeutendste Barockschloss in Franken. Foto: Ansbachische Markgrafenstraße.

Am 5. Januar 1731 tritt Leopoldo Rettÿ seine Stelle als Hofbaumeister am Markgrafenhof von Ansbach an. Rettÿ verdrängt dabei seinen Vorgänger Carl Friedrich von Zocha aus seinem Amt. Doch nicht nur das. Zocha rechte Hand, Johann David Steingruber, fühlt sich durch Rettÿs Auftritt zurückgesetzt, sieht sich doch Steingruber selbst als der natürliche Nachfolger Zochas. Wer war Leopoldo Rettÿ?

Über Leopoldo Rettÿ ist bis heute nur wenig erforscht. Unbekannt ist selbst sowohl sein Geburtstag, als auch sein Geburtsort. Vermuten die meisten Autoren das italienische Laino bei Como im ehemaligen Herzogtum Mailand als Geburtsort Rettÿs, so entwickelte Rolf Bidlingmaier 1997 in einem Aufsatz die Theorie, nach der das österreichische Wien als Herkunftsort Rettÿs gelten muss. In Wien arbeitete nämlich in der fraglichen Zeit 1703/1704 Rettÿs Onkel Giuseppe Donato Frisoni, der Bruder seiner Mutter, am Hof des deutschen Kaisers Leopold I. von Habsburg-Österreich. Frisoni, ursprünglich Stukkateur und später dann Architekt, wird später Rettÿs Lehrmeister sein. Freilich ist auch über Frisoni in Wien bislang wenig bekannt. Allein die Tatsache, dass er als Vater einer nichtehelichen Tochter am 14. April 1706 in dem Kirchenbuch von St. Ulrich zu Wien erscheint, zeigt seine enge Verbindung zur Haupt- und Residenzstadt Wien, wie Martin Poszgai aufzeigt.

Rettÿ ein deutscher Staatsbürger aus italienischer Nation

Für diese Theorie spricht zum einen der adaptierte Vorname Leopoldo als Referenz an den Kaiser und zugleich Frisonis Arbeitgeber, eine zur damaligen Zeit übliche Vorgehensweise. Zum anderen spricht für Wien das für Rettÿ auffallend deutsche Selbstverständnis: Zeit seines Lebens schreibt er seinen Namen auf deutsche Art und Weise mit „ÿ“ – dem deutschen i, einem Ypsilon mit zwei Pünktchen (durch die Veränderung wird aus dem griechischen Buchstaben ein deutscher) – und eben nicht Retti mit „i“, wie es die italienische Schreibung verlangt. Deshalb ist die bisherige Klassifizierung als „italienischer Baumeister“ (Karl-Heinz Kurzidem 2001) zu kurz gegriffen. Tatsächlich muss es nach aktuellem Stand heißen: Rettÿ ist ein deutscher Baumeister aus italienischer Nation.

Am 5. Mai 1704 findet die Grundsteinlegung in Erlachshof nördlich von Stuttgart statt für ein „rechtes Jagdhaus“, also einem repräsentativen Barockschloss. Auftraggeber für das Projekt ist Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg. Seinen Namen wird das Schloss und die spätere Stadt dann erhalten: Ludwigsburg. Drei Architekten sind an dem Bau beteiligt. Der junge Marbacher Theologe Philipp Joseph Jensch, vor allem aber der aus Norddeutschland stammende Pionieroffizier Johann Friedrich Nette und Rettÿs Onkel Donato Giuseppe Frisoni. Mit Frisoni kommen neben Leopoldo Rettÿ auch seine älteren Brüder Riccardo, Livio und Paolo Retti nach Ludwigsburg, um dort Schloss und Stadt als Maler, Bildhauer, Stukkateur, Baumeister und Bauunternehmer mit auf- und auszubauen.

Onkel Donato Giuseppe Frisoni geht nach Ludwigsburg


Mit dem Tod Nettes 1715 übernimmt Frisoni den Posten des Schlossbaumeisters, wobei er sich u. a. gegen Carl Friedrich von Zocha durchsetzt, und beteiligt seinen Neffen Paolo Retti mit dem Einverständnis des Herzogs als Bauunternehmer am Schlossbau. Immer mehr Verwandte Frisonis siedeln sich in Ludwigsburg an, zumal sich die Vorstellungen Eberhard Ludwigs „ins Riesenhafte“ (Bidlingmaier 1997) steigern. In Ludwigsburg entstehen im Laufe der Zeit eine Vierflügelanlage mit 452 Räumen in zusammen 18 Gebäuden. In dieser lebendigen, kreativen und bauhandwerklichen Welt, wobei auch immer alles in der Familie bleibt, erlernt Rettÿ schließlich sein Fach und legt den Grundstein für seine Karriere.

Nach seiner zweijährigen Studienreise durch Italien und Frankreich wird der junge Leopoldo Rettÿ 1726 zum herzoglich-württembergischen Baumeister ernannt. Tatsächlich können wir heute seinen großen handgezeichneten Plan „Ansicht von Schloss Ludwigsburg“ aus demselben Jahr als Probearbeit seiner Kunst ansehen. Denn direkt nach seiner Ankunft im Herzogtum Württemberg arbeitet der Architekt als Partner am Ludwigsburger Schlossbau mit. Zwei Jahre später wird das gesamte Stadtbauwesen der neugegründeten Stadt Ludwigsburg vom Schlossbau getrennt. Und Leiter der neuen Abteilung wird Leopoldo Rettÿ. Neben der Ludwigsburger Stadtplanung zeichnet der Baugestalter auch verantwortlich für die Zwillingstürme der evangelischen Stadtkirche in der Ost-West-Achse des Marktplatzes.

Im Jahr 1729 stirbt die Ansbacher Regentin und Markgräfin Christiane Charlotte, eine geborene Prinzessin von Württemberg. Nachfolger wird ihr Sohn Carl Wilhelm Friedrich im Alter von erst 17 Jahren und plant die Fertigstellung seiner Residenz samt großartiger Erweiterung und Modernisierung seiner Residenzstadt Ansbach. Er hält Ausschau nach einem fachkundigen und talentierten Vollblutarchitekten mit Berufserfahrung. Fündig wird der junge Markgraf am Hof seines Verwandten Herzog Ludwig Eberhard in Ludwigsburg: Leopoldo Rettÿ.

Denn im Markgraftum Brandenburg-Ansbach hatten zu viele Bauprojekte ihrer Vollendung. Und zu groß ist die Aufgabe für den bisherigen Obristbaumeister Carl Friedrich von Zocha, der zwar theoretische Kenntnisse der damaligen neuesten Architektur besitzt, aber von praktischer Bauleitung und –durchführung nichts versteht. Was Wunder auch, studierte Zocha doch zunächst Rechtswissenschaften in Gießen, Halle an der Saale und Leyden (Holland), bildete sich fort in England bevor er sich der Mathematik und Architektur in Paris widmete.

Residenz Ansbach ist Hauptaufgabe

Ab 1731 in Rettÿ in Ansbach, ein Jahr später ernennt ihn der Markgraf zum Baudirektor. Diese Beförderung steht in direktem Zusammenhang mit dem endgültigen Weggang seines Vorgängers: Zocha wird Minister und zugleich Oberamtmann von Crailsheim, eines „der größten und einträglichsten Ämter“ innerhalb des Fürstentums (Scholl 1930). Wichtigste Aufgabe ist die Vollendung der Ansbacher Residenz, also dem Markgrafenschloss, und anderer unter Zocha begonnener, aber nicht fertiggestellter Vorhaben. Liegen geblieben waren außerdem auch Neubauten wie der Orangerie und dem Zuchthaus in Ansbach sowie dem Falkenhaus im Tiergarten Triesdorf, dem bevorzugten Jagdgebiet 15 Kilometer außerhalb der Residenzstadt. Für Joseph Maria Ritz ist Rettÿ der wichtigste Architekt Ansbachs. „In Ansbach folgte auf Gabrieli und Zocha als Hauptarchitekt Leopold Retty, der den schönen, vornehmen Bau der Organgerie, wie auch das Schloß, nach Würzburg das bedeutendste in Franken, vollendet hat.“ (Ritz 1931).

Auf seiner Studienreise zu den großen Schlossbauten in München, Köln und Mannheim lernt der „umsichtige und energische Architekt“ (Schumann 1980) unterwegs seine spätere Ehefrau Anna Clara Darni aus Mainz kennen. Am 6. Juli 1733 findet die Hochzeit der beiden statt. Insgesamt elf Kinder gehen aus dieser Verbindung hervor, wobei ein Sohn und eine Tochter sehr früh versterben. Sogar eine Totgeburt haben die Eltern zu beklagen und zu verkraften.

Im Jahr 1734 plant Rettÿ die Umgestaltung des markgräflichen Tiergartens Triesdorf in eine barocke Sommerresidenz absolutistischer Prägung. Ähnlich dem Schloss Karlsruhe sollte die Anlage von einem zentralem Schloss beherrscht werden mit Jagdstern im Norden und Gärten mit Wasserspielen im Süden. Somit sollte Triesdorf tatsächlich als Jagdsitz mit Jagdschloss zu einer Sommerresidenz französischem Vorbilds weiterentwickelt werden. Dazu kommt es aber nicht. Vielmehr wird der Jagdsitz ausgebaut zu einem klassischen Landsitz englischer Prägung. Anstatt einem herrschenden Zentralbau mit dienenden Nebenbauten entstehen in Triesdorf eine Reihe von im Grund gleichrangigen Gebäuden. Es siegt also die dezentrale, demokratische Lösung gegenüber der zentralen, absolutistischen.

Dass das englische Thema tatsächlich in Triesdorf und damit in der Markgrafschaft Ansbach aufgegriffen wird, kommt nicht von ungefähr. Rettÿ hat Kontakt zum Baubüro des englischen Königshofs. Denn seit 1727 sitzt eine Ansbacherin auf dem englischen Thron: Königin Caroline von England und Großbritannien, eine Prinzessin aus dem Hause Brandenburg-Ansbach. Die Wandlung Triesdorf von einer geplanten Sommerresidenz hin zu einem klassischen Landsitz zu einer Art „Stadt“, indem das Nachbardorf Weidenbach baulich in den Landsitz einbezogen wird. So entsteht in Weidenbach etwa die markgräfliche Hofkirche. Rettÿ muss somit heute als deutscher Architekt des barock-klassizistischen Übergangsstils anerkannt werden.

Aufträge als freier Architekt

Neben den markgräflichen Bauten, Garten- und Stadtplanungen in Ansbach, Schwabach, Triesdorf, Bruckberg, Unterschwaningen, Merkendorf und anderswo übernimmt Rettÿ auch häufig Aufträge privater Bauherren. So tritt neben die Stelle als staatlicher Hofbaumeister auch die Arbeit als freier Architekt. 1733 übernimmt er mit Schloss Dennenlohe für Paul Martin Eichler von Auritz sein erstes privates Bauvorhaben. 1736 folgt Schloss Lindenbrunn nahe Langenburg, das spätere Ludwigsruh, als Sommerhaus für den Grafen Christian Albrecht von Hohenlohe-Langenburg. Ein Jahr später ist das kleine Schloss für Ernst Wilhelm Anton von Heydenab an der Reihe, 1738 Schloss Kirchberg an der Jagst für Carl August Graf von Hohenlohe-Kirchberg. Für Johann Wilhelm Gottfried von Seckendorff-Gudent erstellt Rettÿ das Rote Schloss in Obernzenn, im darauf folgenden Jahr das Schloss Eschenau in der heutigen Gemeinde Obersulm bei Heilbronn für den württembergischen Oberkriegskommissar Johann Melchior von Killinger.

Interessant hier ist festzustellen, dass Rettÿ bei staatlichen Aufträgen mit seinem späteren Nachfolger in Ansbach Johann David Steingruber (seit 1734 Landbauinspektor) zusammen arbeitet. Für private Aufträge stützt sich der Architekt lieber auf den Ansbacher Hofmaurer Michael Braunstein als Bauunternehmer. Später, Rettÿ ist mittlerweile in Stuttgarter Diensten, plant der Architekt im Winter 1749/1750 für Markgraf Carl Friedrich von Baden-Durlach einen Neubau zum bisherigen Residenzschloss in Karlsruhe. Zwar kommen diese Planungen nicht zur Umsetzung, doch kann Rettÿ ein anderes Projekt für den badischen Regenten durchführen: Schloss Stutensee nahe Karlsruhe.

Rettÿ baut Synagoge

Auch Kirchen baut Rettÿ als freier Architekt. 1739 plant er die evangelische Pfarrkirche in Sommerhausen am Main, 1743 die Synagoge in Ansbach und 1737 die katholische Kirche in Sondernohe nahe Flachslanden. Es bleibt dort allerdings bei den Planungen, Erbaut wird in Sondenohe unter seiner Regie 1747 lediglich das dazugehörige Pfarrhaus.

Im Jahr 1744 übernimmt der erst 16jährige Prinz Carl Eugen von Württemberg als Herzog die Regierung in Stuttgart. Allerdings fordert er von den württembergischen Ständevertretung, der Landschaft, eine „standesgemäße Wohnung“: ein repräsentatives Schloss. Um den Herzog, den Hofstaat und die Verwaltung in Stuttgart zu halten und somit einen Abzug nach Ludwigsburg zu verhindern, wird ihm dieser Wunsch genehmigt. Als Architekt beruft Carl Eugen den inszwischen in Stuttgart bekannten Leopoldo Rettÿ, der vorerst Hofbaumeister für die Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach bleibt.

Neuer Großauftrag ist Stuttgart

Am 3. September 1744 kommt es zur feierlichen Grundsteinlegung für das Neue Schloss in Stuttgart. Während Rettÿ für die Planungen zuständig ist, liegt die örtliche Bauleitung bei dem württembergischen Oberbaudirektor Johann David Leger. Jedoch funktioniert die Zusammenarbeit der beiden nicht. 1748 wird Leger aus der Bauabteilung entlassen und im selben Jahr siedelt Rettÿ von Ansbach nach Stuttgart über.

Gerade einmal das Hauptgebäude, das sog. Corps des Logis, sowie der Gartenflügel des Neuen Schlosses in Stuttgart sind im Äußeren fertig gestellt, als Leopoldo Rettÿ am 18. September 1751 im Alter von 47 Jahren in Stuttgart stirbt und im Familiengrab in Oeffingen (heute Stadt Fellbach) beigesetzt wird. Um den Weiterbau am Neuen Schloss in Stuttgart kümmert sich fortan der in Paris ausgebildete Philippe de La Guepière, den Rettÿ bereits auf einer Studienreise durch Holland und Frankreich 1750 kennenlernte.

Neues Museum in Ansbach

Aktuell wird das sog. Retti-Palais, einem Stadtschloss in Ansbach, das Rettÿ ab 1745 als Bauträger („Particulier“, Scholl 1930, S. 82) für den starken Mann am Ansbacher Markgrafenhof, den „K. K. Wirklichen Geheimen Rath“ Christoph Ludwig von Seckendorff-Aberdar, Oberamtmann von Heilsbronn und Präsident des Administrationskollegiums der Grafschaft Sayn-Altenkirchen, erbaute, höchst aufwändig restauriert. Der Ansbacher Retti-Verein will in dem Haus nach Abschluss der Restaurierung und erheblicher Erweiterung ein Museum einrichten, um an den Baumeister und Architekten Leopoldo Rettÿ und seine Bedeutung für Ansbach zu erinnern.

 Das Rettÿ-Haus in Ansbach (2016).  Rettÿ verkaufte das Haus im März 1749 an den Oberamtmann und Obervogt von Ansbach, Christoph Ludwig von Seckendorff.
Das Rettÿ-Haus in Ansbach (2016). Rettÿ verkaufte das Haus im März 1749 an den Oberamtmann und Obervogt von Ansbach, Christoph Ludwig von Seckendorff.

Literatur:
Georg Sigmund Graf Adelmann, Topografie der kunsthistorischen Sehenswürdigkeiten, in: Kreis Ludwigsburg, Stuttgart und Aalen 1977
Rolf Bidlingmaier, Die Brüder Riccardo, Paolo, Livio und Leopoldo Retti. Eine oberitalienische Künstlerfamilie im Herzogtum Württemberg, in: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde, Band 21, Heft 13, Stuttgart 1997
Heinz Braun, Die Sommerresidenz Triesdorf der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach 1600-1791, Kallmünz 1958
Walter-Gerd Fleck, Burgen und Schlösser in Nord-Württemberg, Frankfurt am Main 1979
Corinna Höper/Andreas Henning, Das Glück Württembergs, Ostfildern-Ruit 2004
Karl-Heinz Kurzidem, Leopoldo Retty, Ansbach 2001
Emil Lacroix u. a., Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Karlsruhe Land, Karlsruhe 1937
Josef Maier, Johann David Steingruber, Ansbach 1987
Norbert Mappes-Niediek, Europas geteilter Himmer. Warum der Westen den Osten nicht versteht, Berlin 2021

Martin Pozsgai, Donato Giuseppe Frisoni und der Gartenpalast Liechentenstein in Wien, in: Barock in Mitteleuropa, zugleich Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Wien Köln Weimar 2006/2007, S. 165-183
Joseph Maria Ritz, Bayerische Kunstgeschichte, Zweiter Teil, Fränkische Kunst, München 1931
Eugen Schöler/Hermann Thoma, Leopoldo Retti, Dennenlohe 2001
Edith Schoeneck, Der Bildersaal im Blauen Schloss zu Obernzenn, Ansbach 1997
Fritz Scholl, Leopoldo Retti, Ansbach 1930
Günther Schumann, Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, Ansbach 1980
Michael Wenger, 250 Jahre Neues Schloß Stuttgart, Stuttgart 1996

Beitrag zum Stadtjubiläum 800 Jahre Stadt Ansbach: Die beiden Tiezmann-Kupfer von 1740 und 1743

Der Stadtplan von 1740 zeigt nicht Ansbach wie es ist, sondern wie es nach den Vorstellungen von Carl Friedrich von Zocha hätte sein sollen. Statt die Orangerie als neues Schloss zu inszenieren, betonte Leopoldo Rettÿ durch die Entwicklung der Jägergasse (heute Bischof-Meiser-Straße) das Schloss Ansbach als Residenz.
Der Stadtplan von 1740 zeigt nicht Ansbach wie es ist, sondern wie es nach den Vorstellungen von Carl Friedrich von Zocha hätte sein sollen. Statt die Orangerie als neues Schloss zu inszenieren, betonte Leopoldo Rettÿ durch die Entwicklung der Jägergasse (heute Bischof-Meiser-Straße) das Schloss Ansbach als Residenz.
Der Stadtplan von 1740 zeigt nicht Ansbach wie es ist, sondern wie es nach den Vorstellungen von Carl Friedrich von Zocha hätte sein sollen. Statt die Orangerie als neues Schloss zu inszenieren, betonte Leopoldo Rettÿ durch die Entwicklung der Jägergasse (heute Bischof-Meiser-Straße) das Schloss Ansbach als Residenz.
 

ANSBACH – Es war Wilhelm Baumann, der in seinem Aufsatz „Die Orangerie zu Ansbach“ die beiden Kupferstiche Stadtplan Ansbach von 1740 und Prospekt der Stadt Ansbach von 1743 als Tiezmann-Blätter bezeichnete.
Tatsächlich wurden die beiden Werke, der Generalplan und der Bilderbogen, von Johann Jacob Enderes gezeichnet und verlegt. Und von Johann Georg Puschner in Nürnberg in Kupfer gestochen.


Den Auftrag für diese beiden Privatdrucke soll der ehemalige Oberbaudirektor Carl Friedrich von Zocha erteilt haben. Es war wohl der Kanzleirat Theodor Heinrich Tiezmann, der für den ganzen Auftrag als Ansprechpartner fungierte.

Beide dekorativen Kupferstiche hatten keinen rein informativen Charakter, sondern dienten ebenso der Politik. Denn es wurde die Haupt- und Residenzstadt Ansbach nicht gezeigt, wie sie ist, sondern die Ansichten zeigten die Stadt, wie sie hätte sein können. „Auf diesen Blättern, die Wilhelm Baumann Tiezmann-Kupfer nennt, werden bewusst alle Bauwerke Rettis weggelassen oder Ansichten gebracht, in denen Rettische Bauteile nicht zur Geltung kommen.“ (Heinz Braun)

Carl Friedrich von Zocha wurde nach dem Tod seiner Förderin, der Ansbacher Markgräfin Christiane Charlotte, durch den Baumeister und Architekten Leopoldo Rettÿ ersetzt.

„Nachdem im Jahre 1730 Retti berufen wurde, der zum 1.2.1731 an den Ansbacher Hof verpflichtet wird, scheidet Zocha aus dem Amt.“ (Wilhelm Baumann).

Die beiden Kupferstiche sind also als Kommentar auf die Umgestaltungen Ansbachs zu verstehen, die Leopoldo Rettÿ durchgeführt wurden.


Quellen:

Wilhelm Baumann+ und Heinz Braun, Die Orangerie von Ansbach, in: 79. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken, Ansbach 1961, S. 163-184.
Heinz Braun, Karteikarten, Vereinsarchiv Triesdorf.

Der Aufsatz wurde im außerdem 1961 von Heinz Braun als Sonderdruck in Buchform herausgegeben. Im Zuge seiner Dissertation über die Sommerresidenz Triesdorf fertigte Heinz Braun eine Stoffsammlung auf Karteikarten an. Das Material liegt heute im Archiv des Vereins der Freunde Triesdorf und Umgebung e. V. in der Villa Sandrina zu Triesdorf.

Der beiden Brauereien der Markgräfin in Unterschwaningen und Weidenbach

UNTERSCHWANINGEN/WEIDENBACH – Am 30. Mai 1729 heiratete die Prinzessin Friedrike Louise in Preußen mit 14 ½ Jahren den 17jährigen Ansbacher Markgrafen Carl Wilhelm Friedrich in Berlin und zog in die Haupt- und Residenzstadt Ansbach. Neben den „lukrativen Hochzeitsgeschenken“ (Schödl 2009), brachte sie ein gewaltiges Darlehen über 200.000 Taler bzw. 300.000 Gulden rheinischer Währung ins Ansbachische mit.

Ein Jahr nach der Hochzeit besuchte sie ihr Vater König Friedrich Wilhelm. Neben dem freudigen Wiedersehen mit seiner Tochter Friederike Louise und politischen Angelegenheiten ging es darum, sich über die wirtschaftliche Entwicklung im Fürstentum Ansbach und über die Rückzahlung des Darlehens zu erkundigen. Am 30. Juli 1730 reiste der König in Begleitung des Markgrafen nach Gottesdienst, Mittagessen und Verabschiedung von Friederike Louise von Triesdorf Richtung Hohenaltheim ab, nicht aber ohne noch zuvor Schloss Unterschwaningen gesehen zu haben. Unterschwaningen war der frühere Witwensitz der Markgräfin Christiane Charlotte. Unterschwaningen sollte aber auch Witwensitz von Friederike Louise werden.

Es ist also zu vermuten, dass Friederike Louise ihrem Vater von ihren Plänen berichtete, in Unterschwaningen ein Mustergut zu errichten. Denn ihr Vater wollte es sich nicht entgehen lassen, den Ort selbst in Augenschein zu nehmen. So schreibt der kaiserliche Botschafter Friedrich Heinrich Reichsgraf von Seckendorff erstaunt an den Wiener Hof:

„Man besahe en passant ein der verstorbenen frau marggräffin gehöriges gewesenes und zwey meilen von Triesdorff gelegenes schloß, Schwaningen genant, setzte aber die reise über Öttingen nach Hohenaltheim – wo der fürst von Öttingen sich dermahlen auffhält – dergestalt fort, daß man abendts vor der sonnen untergang alda ankame.“ (Wagner 1957).

Friederike Louise hat ihr Projekt Unterschwanigen also bald nach ihrer Ankunft im Fürstentum Ansbach in Angriff genommen. Schon im Ehevertrag wurde festgelegt, welche Morgengabe ihr nach Geburt des Erbprinzens zustand, nämlich Schloss und Gut Schwaningen. Hier entstanden unter ihrer Hand Molkerei und andere Betriebe, das Schloss wurde erweitert und der markgräfliche Hofbaumeister Leopoldo Rettÿ erstellte für sie eine Hofkirche und legte den Hofgarten an.

Bierbrauerei ist Herzstück der Ökonomie

Herzstück der Unterschwaninger Unternehmungen aber war die Brauerei. Um sich in den Bierbraubetrieb einzuarbeiten, besuchte die reformierte Markgräfin sogar die katholische Wallfahrtskirche Großlellenfeld nur zum Schein, um sich tatsächlich die Aktivitäten des dortigen Pfarrers Johann Emmeram Weißgerber anzusehen.

So schreibt der Pfarrer im Eintrag vom 14. August 1730, also kurz nach dem Besuch des Königs im Ansbachischen, ahnungslos ins Pfarrregister des Pfarramts Großlellenfeld „habe ich die hohe Gnad gehabt, daß Ihro Königliche Hoheit Frau Markgräfin nit allein die Kirch besichtigt und das Geläut zu hören verlangt, sondern auch mir die hohe Gnad angetan, den Pfarrhof besehen, bey 2 bis dritthalbstund bey mir mit 3 Dames, 3 Kavaliers, 2 Husaren und anderen sich heut aufgehalten und mit rotem Burgunderwein mich beschenkt.“ (Freundliche Mitteilung von Hermann Thoma, Goldbühl).

Denn die Markgräfin war nicht allein mit ihrer Idee, aus Bierherstellung und Bierverkauf Gewinn zu schlagen. Auch der Lellenfelder Pfarrer war sehr geschäftstüchtig. „Von ihm ist bekannt, dass er 1731 den Pfarrhof neu erbauen oder gründlich umbauen ließ und sich mit der Gemeinde Lellenfeld um das >Zigeunerholzörtlichen Wirte< nicht schmecke.“ (Pasel 2005).

Allerdings war aber der Absatzmarkt in Unterschwaningen zu gering, um die Bierbrauerei profitabel zu betreiben. Deshalb suchte die Markgräfin nach Expansionsmöglichkeiten.

Ihre Wahl fiel auf Weidenbach, um den großen Triesdorfer Markt zu erschließen. Eben dort, wo sich der Markgraf und Ehemann Carl samt Hofstaat mit Falknerei und Pferdegestüt beschäftigte. Die zahlreichen Baustellen erzeugten zudem viele trockene Kehlen. „Christian Seybold, Marketender zu Triesdorf, erbaute sich 1736 ein Haus in Weidenbach, und erhielt darauf das Recht der Heckenwirtschaft, worauf er Schwaninger Bier ausschenkte, unter dem 1737 erlangten Schild eines Falken, der sodann 1739 auch als Anzeichen des Tafernrechts erkannt wurde.“ (Lang 1848).

Übernahme der Konkurrenz und Investition in Lagerkapazitäten

Friederike Louise bekam aber bald Konkurrenz. Das Weidenbacher Schlossgut des späteren Obristfalkenmeisters Ernst Wilhelm Anton von Heydenab wurde per Dekret des Markgrafen von 15. August 1739 an die Triesdorfer Röhrenfahrt angeschlossen (die besteht heute noch, das Hotel Platengarten ist noch angeschlossen)

Und der dortige Braubetrieb konnte beginnen. Es ist also kein Zufall, dass Friederike Louise 1756 ihren Hofkammerrat Johann Christoph Hirsch beauftragte, das Weidenbacher Schloss und Gut des Obristfalkenmeisters samt Brauerei mit Verlag in Gunzenhausen zu kaufen.
In Triesdorfer Tiergarten ließ sie sich einen großen Felsenkeller graben und ausbauen, um das Lagerbier während des Sommers kühl zu halten und an Ort und Stelle im Biergarten zu verkaufen. Damit konnte gleichzeitig der Bierausstoß erheblich gesteigert werden, weil in die Vermarktung investiert worden war.

Fazit

Friederike Louise betrieb ihre Unternehmen in Unterschwaningen nicht nur hobbymäßig betrieb, sondern unternehmerisch handelte, indem sie einen unliebsamen Konkurrenten in Weidenbach übernahm und in dessen Betrieb sogar noch weiteres Geld investierte. Sie begnügte sich hier offenbar nicht nur mit dem galanten Ausspruch „Und wird auch der Erfolg mir keineswegs zum Lohn, Ist selbst das Unterfangen genug der Ehre schon.“ (Laclos 1999). Nein, die Markgräfin wollte Erfolg. Friederike Louise war auf „Plusmachen“ (Störkel 2009) aus.

CARL-ALEXANDER MAVRIDIS

Aufsatzbesprechung: Johann Sigmund Strebel und seine Lehrschrift für den Erbprinzen Alexander

Porträt von Markgraf Alexander von Ansbach-Bayreuth aus dem neuen Kurhaus von Bad Alexandersbad. Tatsächlich hatte der Fürst einen Sinn für Ökonomie. Als Erbprinz hatte er im sehr fortschrittlichen Holland die Politik des Wirtschaftswachstums kennengelernt. Um den wirtschaftlichen Aufschwung des ehemaligen Kurbades Sichersreuth zu forcieren, wurde dort ein Kurhaus gebaut und das Bad nach ihm umbenannt. Das alte Kurhaus heißt heute Markgräfliches Schloss.
 

ANSBACH – „Von der nothwendigkeit und dem nutzen der erkenntnuß eines landes überhaupt“ ist der Titel eines Aufsatzes von Andreas Rutz in der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 2019 Band 82 [Heft 2].

Der Untertitel verrät etwas mehr: Johann Sigmund Strebel und die Prinzenerziehung in Brandenburg-Ansbach um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Tatsächlich geht es in dem Beitrag um die Inhalte des Ausbildungsprogramm für den Erbprinzen Alexander von Brandenburg-Ansbach, welches von dem markgräflichen Bibliothekar und Archivar erstellt wurde. Dabei geht der Aufsatz auf einen Vortrag zurück, den der Autor am 11.02.2016 an der Universität Bayreuth gehalten hat. Für die Drucklegung wurde das Manuskript mit einem umfangreichen Quellenapparat versehen und aktualisiert.

Gegenstand des Artikels ist die knapp 300 Seiten umfassende Landesbeschreibung des Fürstentums Ansbach mit dem Titel „Anleitung zur nöthigen Kenntnuß von der wahren und archivmäßigen Beschaffenheit des Hochlöblichen Fürstenthums Brandenburg-Onolzbach oder Burggrafthums Nürnberg unterhalb Gebürgs zum Gebrauch des Durchlauchigsten Erb-Prinzen“, welche heute im Staatsarchiv Nürnberg aufbewahrt wird. Autor der Lehrschrift ist Johann Sigmund Strebel.
Er erhielt den Auftrag dafür vom Markgrafen Carl, der offensichtlich mit dem Wissenstand nach dem Studium in den Generalstaaten seinen Sohnes Alexanders unzufrieden war. „Ziel seines Vaters war es, dem Fünfzehnjähigen nach den sehr allgemeinen Studien in den Niederlanden eine dezidiert auf die künftigen Aufgaben im Lande zugeschnittene Ausbildung zukommen zu lassen, und genau zu diesem Zweck diente die Anleitung.“ (S. 482).

Zwar diente die Anleitung zur Prinzenerziehung, Strebel war aber nicht Alexanders Prinzenerzieher. „Als Erzieher des 1736 geborenen Erbprinzen Karl Alexander fungierte Stebel nicht, verfasste für den Fünfzehnjährigen aber 1751 die Anleitung zur nöthigen Kenntnuß von der wahren und archivmäßigen Beschaffenheit des Hochlöblichen Fürstenthums Brandenburg-Onolzbach oder Burggrafthums Nürnberg unterhalb Gebürgs.“ (S. 486).

Wenn Strebel jetzt aber nicht der Prinzenerzieher war, wie kann nun seine Anleitung einen zentralen Bestandteil der Prinzenerziehung eingenommen haben? Tatsächlich wird dies aber in dem Beitrag unterstellt: „Bemerkenswert ist, dass Fragen von Infrastruktur und Ökonomie, deren Berücksichtigung Strebel mit Blick auf das Genre der Landesbeschreibung durchaus als wichtig erkannt hatte, bei dieser Zielsetzung völlig aus dem Blick geraten und in der Anleitung letztlich nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.“ (S. 494) Hat jetzt der Erbprinz diese Lehrschrift studiert oder nicht?

Laut des Autoren existiert in der Schlossbibliothek Ansbach (Staatliche Bibliothek) eine Abschrift mit dem Titel „Beschreibung des Ober-Amts Onolzbach nach deßen wahren und archivmäßigen Beschaffenheit Anno 1751″

Allerdings übersieht der Autor, dass es sich bei dem Nürnberger Exemplar um das gesamte Fürstentum handelt, bei dem Ansbacher Manuskript lediglich um das Oberamt Ansbach. Interessant wäre es jetzt gewesen, diese beiden Exemplare miteinander zu vergleichen, ob sich nur der Titel oder auch der Inhalt unterscheidet – und wenn ja, wie? Dass sich in der Schlossbibliothek heute noch Material von Strebel erhalten hat, ist ja auch zu erwarten, war doch Strebel selbst Bibliothekar ebendieser markgräflichen Einrichtung.

Diese Unaufmerksamkeit von Andreas Rutz lässt sich erklären. Der Autor ist aktuell Lehrstuhlinhaber für sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden und mit der ansbachischen Markgrafengeschichte offensichtlich wenig vertraut. Dies zeigt sich auch, dass er den Namen des Markgrafen fast durchgängig falsch widergibt. Der Markgraf hieß Alexander im Gegensatz zu seinem Vater Carl, nicht Karl Alexander wie Rutz schreibt. Zwar wird in der älteren Literatur dieser Fehler oft begangen – wobei es dann immerhin Carl Alexander heißt, wie etwa bei Martin Krieger Die Ansbacher Hofmaler des 17. und 18. Jahrhunderts (1966) -, doch hat sich seit Günther Schuhmann Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach (1980) die Sache eigentlich erledigt.

Allerdings gibt es auch in der jüngsten Literatur einen anderen Fall von Falschbenennung. Susan Richter erfindet 2010 den Namen Friedrich Carl Alexander. Markgraf Alexander hieß mit vollem Namen Christian Friedrich Carl Alexander. So hat es Arno Störkel in seiner Biografie über den Ansbacher Fürsten 1995 auch richtig festgehalten. Beide Autoren, Rutz und Richter, kennen die Biografie von Störkel, da beide sie mehrfach zitiert haben, geben aber leider keine Erklärung für die jeweilige Namensänderung.

Wie kam nun Andreas Rutz zu seinem Gegenstand? In der Fußnote 51 seines Aufsatzes erschließt sich diese Frage. 2015 erschien in der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte bereits ein Aufsatz von ihm mit dem Titel: Territorialpolitik mit Karten. Der Streit um die Landeshoheit zwischen Brandenburg-Ansbach und Nürnberg im 18. Jahrhundert. Tatsächlich diente die Anleitung also weniger der Prinzenerziehung, sondern der Territorialpolitik und der Territorialpropaganda. „Für Brandenburg-Ansbach erfüllten die Landesbeschreibungen und Karten also einen doppelten Zweck: Die hierdurch ermöglichte intime Kenntnis des Landes diente sowohl bei innenpolitischen Projekten als Entscheidungsgrundlage als auch der Abwehr auswärtiger Ansprüche.“ (S. 490) 1763 veröffentlichte der Nürnberger Verlag Homann Erben seine berühmte Karte Principatum Brandenburgico Onolsbacensem über das Fürstentum Ansbach, die sich auch im Vorsatz von Störkels Dissertation befindet. Interessant wäre jetzt gewesen, inwiefern sich der Streit um den Grenzverlauf Ansbach-Nürnberg in der Karte widerspiegelt.

In seinem Fazit kommt Andreas Rutz zu einem überraschenden Ergebnis. „Der geringe Stellenwert der Ökonomie in der diskutierten Lehrschrift ermöglicht eine genauere Charakterisierung der Prinzenerziehung in Brandenburg-Ansbach im 18. Jahrhundert.“ (S. 494). Wenn Strebel den Auftrag vom Markgrafen Carl hatte, seinem Sohn Alexander das beizubringen, was in seinen bisherigen Studium in Utrecht fehlte, dann mussten Fragen zur Ökonomie nicht mehr eigens diskutiert werden. Gerade deshalb war ja Alexander in Holland, waren doch die handelstreibenden Seemächte führend in der Marktwirtschaft und Motoren bei der Politik des Wirtschaftswachstums. Dass Alexander etwa 1748 die Porzellanfabik in Delft besichtigte (Störkel 1995, S. 23) und dann – kaum an der Regierung – zehn Jahre später 1758 selbst eine Porzellanfabik in Ansbach gründete – später verlegt nach Bruckberg -, ist doch ein deutliches Zeichen für die Bedeutung der Ökonomie im Markgraftum Ansbach im 18. Jahrhundert. Immerhin erkennt Andreas Rutz die Gründung der Porzellanfabrik als markgräfliche Leistung an.


ANDREAS RUTZ, „Von der nothwendigkeit und dem nutzen der erkenntnuß eines landes überhaupt“. Johann Sigmund Strebel und die Prinzenerziehung in Brandenburg-Ansbach um die Mitte des 18. Jahrhundert, S. 475-496, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 2019, Band 82 [Heft 2], hg. von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie für Wissenschaften in Verbingung mit der Gesellschaft für fränkischen Geschichte und der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Verlag: C. H. Beck, München

Markgraf Alexander von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth und sein Hof zu Triesdorf

Zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters Markgraf Carl 1757 lässt sich Markgraf Alexander das 1730/1731 erbaute Falkenhaus zu Triesdorf als Wohnhaus für sich und seine Frau Caroline Friederike von Sachsen-Coburg und Saalfeld sowie seinem Hofstaat umbauen.
Der Hofinspektor Johann David Steingruber übernimmt dabei die Leitung des Umbaus persönlich, wobei die Arbeiten vor Ort durch den Maurermeister Knäulein beaufsichtigt werden. In seinem Dekret vom 8.10.1759 an das Bauamt wird befohlen, in „Triesdorff, ehe der Winter und Frost einbricht, im Falckenhauß aus Serenissimi Special-Befehl, das Zimmer der Frau Markgräffin Hochf. Durchl. zu 2 Cabineten nach der dem Maurermeister Knäulein mündlich ertheilten Anweisung mit Boißerie machen, und zwey Mäuerlein führen, den Alcoven aber zumauern und ein neu Fenster brechen laßen.“ (zit. nach Heinz Braun 1954, S. 144)

Tatsächlich will der Markgraf Alexander schnell von Ansbach nach Triesdorf umziehen und treibt seinen guten Bauinspektor zur Eile an, wie Steingruber in seinem Promemoria vom 31.1.1760 notiert.
Im Erdgeschoss des ehem. Falkenhauses wird ein Bad für den Markgrafen eingerichtet. Und im Audienzzimmer wird an die Stelle eines früheren Kamins eine Orgel aufgestellt, um dort bei Gottesdiensten und Konzerten zum Einsatz zu kommen. Auf Anweisung des Hofmarschalls wird daher „das in der Stadtkirchen zu Anspach auf dem Chor gestandene Positiv“ nach Triesdorf gebracht, wobei vorher die Orgel durch den Hoforgelmacher Prediger und den Hofschreiner Beyer überholt werden.

Im Sommer 1760 finden noch weitere Umbauten statt. Es wurden zwei Wände ausgebrochen, um ein großes Zimmer für die Marschallstafel zu erhalten. Auf der rechten Seite wurde eine Wohnung für die Oberhofmeisterin eingerichtet und auf der linken Seite eine Lakaienstube und eine Lakaienkammer. „Mit diesen Arbeiten kam die Umgestaltung des ehemaligen Falkenhauses zum fürstlichen Landschloß im Wesentlichen zum Abschluss“, schreibt Heinz Braun 1954 noch in seiner Dissertation.

Nach den neuesten Erkenntnissen, die im Zuge der Renovierungsmaßnahmen des Bezirks Mittelfranken aufgetreten sind (freundliche Mitteilung von Architektin Silke Walper-Reinhold, Ansbach), wird das Rote Schloss, wie das Falkenhause seit dem Umbau und Bezug durch die markgräfliche Familie und dem Hofstaat heißt, in den Jahren 1780/1781 noch einmal umgebaut und erheblich erweitert.

Das Rote Schloss zu Triesdorf (Rückseite) während der Fassadenrenovierung und Dachsanierung 2015.
Das Rote Schloss zu Triesdorf (Rückseite) während der Fassadenrenovierung und Dachsanierung 2015.

Das Rote Schloss wird auf beiden Seiten um jeweils zwei Fensterachsen verlängert, was dazu führt, dass die beiden zuvor sichtbaren Flügel des Schlosses verdeckt werden. Außerdem erhält das Rote Schloss einen Treppenrisalit mit Attika.

Ob diese Baumaßnahme mit dem Besuch des reisenden Malers Johann Jakob Grund zusammenhängt, lässt sich aktuell nicht feststellen. In seinem Buch „Malerische Reise eines deutschen Künstlers nach Rom“ lässt Grund jedenfalls das Rote Schloss sehr schlecht wegkommen.

So schreibt er in seinem Zwölften Brief: „Er [der Markgraf Alexander] selbst wohnt, mit seiner Gemahlin, in einem kleinen, äußerst engen, Hause, das Falkenhaus genannt, wo überdies die Hofdamen, Kammerfrauen, und andere männliche und weibliche Bediente, ihre Wohnung haben“ (Seite 108).

Zwar ist Grunds Reisebeschreibung im Briefform 1789 in Wien erschienen und somit nach der Erweiterung, des Schlosses.
Allerdings erwähnt der Autor in dem Text die Mademoiselle Clairon, die er beim Sammeln von „Blüthen von den Sträuchern“ im Triesdorfer Schloßgarten bei einem Spaziergang trifft. Im Erscheinungsjahr aber war die ehemalige Mätresse des Markgrafen schon längst von ihrer Nachfolgerin Lady Craven aus Triesdorf verdrängt – und auf ihrem Landsitz Issy bei Paris.

Quellen:

Heinz Braun, Triesdorf. Baugeschichte der ehemaligen Sommerresidenz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach 1600-1791, Gunzenhausen 1954.
Johann Jakob Grund, Malerische Reise eines deutschen Künstlers nach Rom, Wien 1789 (Nachdruck o. O., o. J.)
Silke Walper-Reinhold, Vortrag vor dem Marktgemeinderat Weidenbach, Rotes Schloss Triesdorf, Sitzung vom 21.11.2017.

Markgraf Alexander und seine Lust zu jagen und zu reiten

Beitrag von Arno Störkel, Würzburg

Markgraf Alexander [von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth], der sich zu Recht wegen seines aufgeklärten und seinen Ländern so wohltuenden Regierungsstils bekannt war, stellte die Jägerei – speziell die von ihm wieder zum Leben erweckte Parforcejagd – jahrzehntelang so sehr in den Mittelpunkt seines Lebens, dass das schon die Zeitgenossen verwirrte: es ließ sich mit der so rühmlich an den Tag legenden Milde der jetzigen Regierung nicht zusammen reimen. (Über die Hegung des Wildes im Ansbachischen, in: Journal von und für Deutschland, 1784, Heft I, S. 107ff., S. 110).

Jagdszenen Paravent Ansbacher Markgrafen, Museum. Hohenzollern, Jagd Parforcejagd Kultur in Ansbach,
Der Paravent aus dem Museum Ansbach

Ausländischen Politikern gegenüber charakterisierte man ihn mit seiner amour de la chasse (Brief Christoph Ludwig von Seckendorff v. 10.11.1757), was für die Zeit nichts Besonderes war; dass er missvergnügt war, wenn eine vorgehabte Jagd ausfallen sollte, wohl auch nicht. Die von einem kaiserlichen Gesandten konstatierte hefftige und alleinige Beschäftigung mit Jagen und Reiten (Bericht Widmann v. 2.8.1766) in seinem jüngeren Jahren muss indes so ausgeprägt gewesen sein, dass sie auch andere Beobachter eines nicht langen Lebens des Herrn Marggraf von Ansbach (Bericht Montmartin v. 4.2.1769) fürchten ließ.
Nach der Extraktion eines Zahnes 1769 – im 18. Jh. weiß Gott keine Kleinigkeit – ging er sogleich auf die Parforcejagd: und darauf waren … die schmerzen Vorbey (Notiz Reitzenstein v. 9.10.1769). Diese Besessenheit legte sich indes mit der Zeit allmählich; daß er sein voriges wildes JägerLeben abgeändert (Bericht Hartig v. 15.9.1768) darf zumindest für die Siebziger Jahre gelten.

Die Parforcejagd als Selbstzweck für einen großen Herrn

Bei der Parforcejagd ging es – ein wenig wie bei der Falkenjagd – an sich nich um die Beute, sondern die Verfolgung des Tieres hatte sich zum Selbstzweck entwickelt: allein und einzig zu einem grossen Palisir und Staate eines grossen Herrn. Das Beutetier war ein Hirsch oder ein Wildschwein, es ging also um die Hohe Jagd, exklusives Privileg des Landesherren und eines seiner wichtigsten Statussymbole überhaupt. Ein moderner Beobachter meint gar, die Jagd sei das einzige Recht gewesen, mit dem der Landesherr auf sämliche Untertanen einwirken konnte.

Diese Jagdform, am französischen Hof erfunden und deshalb auch französische Jagd genannt, wurde schon bald in verschiedenen Territorien des [Heiligen Römischen] Reichs [deutscher Nation] kopiert, zunächst in Celle 1670, in Bayern kurz darauf. Unter anderem waren es Kursachsen, Anhalt-Dessau, Württemberg, und Ansbach, die ebenfalls früh – auf Grund persönlicher Vorlieben der Herrscher – eine solche Jagd einrichteten. Sie galt als dem Zeitgeschmack entsprechend und dem in jeder Hinsicht verpflichtenden Vorbild Versailles gerechtes, als teures und damit exklusives Vergnügen (… für viele zu kostbar …), das in jeder Hinsicht dem Selbstwertgefühl von Veranstaltern und privilegierten Teilnehmern entsprach – Einen Hirsch als ein tapferes und edles Thier in freyem Felde aus heroischem Gemüthe par Force zu erlegen.

Aus: Arno Störkel, Fürstliche Jagd im barocken Franken, Verlag C. u. C. Rabenstein: Bayreuth 2012, S. 4 (oben) u. 14 (unten)

Der seltene Vogel Nimmersatt in der Menagerie zu Triesdorf

Beitrag von Siglinde Buchner, Weißenburg in Bayern

Die unscheinbare Siedlung Schlungenhof [zwischen Gunzenhausen und Altenmuhr (Muhr am See)] geriet im Oktober 1754 in den Fokus des 42-jährigen Markgrafen Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (*12.5.1712, +3.8.1757), der nach seinem Tod zu Unrecht der Wilde Markgraf genannt wurde.

Seltener Vogel Nimmersatt, Menagerie zu Triesdorf
Seltene Vogel Nimmersatt in der Menagerie zu Triesdorf

Seine Leidenschaft war die Jagd, vor allem die Falkenjagd. Als ihm gemeldet wurde, dass bei Schlungenhof große weiße Vögel gesichtet wurden, befahlt er, diese zu fangen und lebendig nach Triesdorf zu bringen.

Dieses ungewöhnliche Ereignis wurde in einem historischen Journal vom 20. Oktober 1754 beschrieben:
„Aus der markgräflich-ansbachischen Stadt Gunzenhausen ist vor wenigen Tagen zu Ansbach die Nachricht eingelaufen, dass sich in dasiger Gegend in dem Altmühl-Fluß 5 fremde Vögel, die man sonst Nimmersatt nannte, gezeigt hätten, welche weiß und größer als eine Gans wären, einen zwei Querfinger gleich breiten und über eine halbe Elle langen Schnabel hätten, wodurch sie einen dreipfündigen Karpfen verschlucken könnten.

Die Menagerie zu Triesdorf vom Storchenweiher aus gesehen. Foto: Die Ansbachische Markgrafenstraße.
Die Menagerie zu Triesdorf vom Storchenweiher aus gesehen. Foto: Die Ansbachische Markgrafenstraße.



Darauf wurde alsbald der herrschaftliche Menagerie-Meister von Triesdorf auf hochfürstlichem Befehl abgeschickt, der auch so glücklich war, dass er eine Viertelstunde von Gunzenhausen bei Schlungenhof in einem Entenpfuhl, das Binsenwöhr genannt, durch das eingelegte Entengarn zwei von diesen Vögeln lebendig fing, welche hierauf in der Menagerie nach Triesdorf gebracht worden.“


Seltene Vogel Nimmersatt in der Menagerie zu Triesdorf
Seltene Vogel Nimmersatt in der Menagerie zu Triesdorf | Indischer Nimmersatt

Literatur: Staatsrelation derer neuesten Europäischen Nachricht und Begebenheiten auf das Jahr 1754. Ein historisches Journal, gedruckt in Regensburg, S. 501f. Das CXXVIste (=126.) Stück vom 20. October 1754, hier: S. 503: Vermischte Fälle

Aus: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen, Alt=Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung, Jahrbuch 75/2020, S. 50f.

Der Lustgarten zu Unterschwaningen

CWF & FL 1754 – Die bekrönten Allianzinitialen in Gold auf Malachit mit Jahreszahl von Markgraf Carl Wilhelm Friedrich und Markgräfin Friederike Louise am Pfarrhaus von Unterschwaningen, einem Werk des Retty-Nachfolgers Johann David Steingruber. Foto: Die Ansbachische Markgrafenstraße.

Beitrag von Carolina Schitz, Bechhofen an der Heide

Die künstlerische Gestaltung des Gartens ist für das erste Drittel des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Diesbezüglich sei noch einmal hervorgehoben, dass die Entwicklung des Schlossgartens weitgehend parallel zur Bauarchitektur verlief.

Im Zusammenhang mit der Modernisierung der fürstlichen Bauten in Unterschwaningen entstand der barocke Hofgarten unter der Leitung der neuen Schlossherrin Friederike Louise. Sowohl die Markgräfin als auch ihr Baumeister Leopoldo Retty gingen den Bestrebungen nach, das allerseits Schöne gleichsam mit dem Nützlichen zu verbinden, indem die fürstliche Gartenanlage einerseits künstlerisch gestaltet und anderseits das weitläufige Terrain für den landwirtschaftlichen Gemüse- und Obstanbau genutzt wurde, was sicherlich auch auf den Denkansatz ihres ältesten Bruders Friedrich beruhte. Jedoch galt dies nicht nur dem Küchengarten, gleichzeitig erfüllte auch der paradiesische Lustgarten seinen Zweck. So schilderte Veh einen Aufenthalt im Garten aus der Sicht der Markgräfin Friederike Louise:

„Auf den Garten zu wohnte die Fürstin, genoß die wärmenden Strahlen der Südsonne und konnte sich des friedsamen Blicks auf die Blumenparketts und der dahinter mächtig aufwachsenden Allen erfreuen, zwischen denen sich der blickende Spiegel des Kanals mählich verlor.“

Dabei wird die Aufgabe des Lustgartens deutlich, die in erster Linie für die Erholung diente und den fürstlichen Besuch in frohe Stimmung versetzte. Unter Bredekamp wird dem Garten eine philosophische Bestimmung zuteil, indem der Garten „als Ort des zwanglosen Austauschs“ verstanden wird. Jedes der im Garten enthaltenen Gestaltungselemente hatte seine Sinnhaftigkeit.

Markgräfin Christiane Charlotte beauftragt Zocha für erste Planungen.

So zeigt ein erster etwa aus dem Jahre 1730 stammender Plan des Zeichners Schuckhardt die ursprüngliche Planung des Schwaninger Hofgartens. Wie bereits vorweggenommen, wirft die Datierung jedoch etliche Fragen auf. Denn diese fällt in einen Übergangszeitraum, in welchem die Markgräfinwitwe Christiane Charlotte bereits verstorben und die neue Schlossherrin noch nicht bestimmt war. So spricht Horst von Zerboni in seinem Beitrag von „Geländeerwerbungen durch Tausch“, die im Jahre 1727 stattgefunden haben soll. Die erste Gestaltung dieses Geländes hatten ihren Anfang mit dem früheren Baumeister Carl Friedrich von Zocha, dessen Einflüsse sich in der Gartenanlage, speziell im Küchengarten sowie am Gärtnerhaus, bemerkbar machten. Es lässt sich daher vermuten, dass die ersten Entwürfe unter Auflage der Markgräfin Christiane Charlotte erfolgten.

Desgleichen betont eine ältere Quelle diese These. Veh wirft den Begriff einen „Lustgartens“ auf, der offenbar in einem Generalplan 1730 „mit genauer Umschreibung und Zweckbestimmung der verschiedenen Gartenbereiche“ dargestellt ist. Umstritten ist ebenfalls, inwieweit die Gartenanlage zu diesem Zeitpunkt ausgesehen haben mag und in welchem Maße die Anlage bis zur Schenkung 1733 ausgestaltet war. Seltsamerweise nimmt man in Schuhmanns Bilduntertitel zum Plan Schuchards eine vollkommen abweichende Datierung wahr. (Schuhmann verwendet eine andere Schreibweise des Zeichners: F. T. Schuchard.) Möglich ist, dass es sich hierbei um einen eingeschlichenen Schreibfehler handelt, denn die Datierung um 1790 wäre aufgrund des Dargestellten zu spät angesetzt gewesen. Der Gartenplan erscheint zudem auch in einer Publikation der Gräfin zu Dohna, die mehr Aufschluss über den Verfasser geben kann. Sie setzt die Datierung wohl vor 1735.

Der Zeichner Friedrich Schuchard solle bis 1734 als Ansbacher Landbauinspektor beschäftigt gewesen sein und somit wäre es denkbar, dass der Hofgartenplan zu Unterschwaningen für Friederike gezeichnet wurde.

Gartenanlage entsteht unter Markgräfin Friederike Louise durch Retty

Trotz der unterschiedlich aufgeführten Belege sind sich die Historiker jedoch in dem Punkt einig, dass die größte Leistung an der Gartenanlage durch Friederike und Retty erfolgte. Betrachtet man die Form der gesamten Südgartenanlage auf dem Plan Schuckhardts, so ähnelt diese einem Trapez. Ungewöhnlich ist die „Nicht-Ausrichtung“ des Gartens auf das Schloss wie es in den älteren französischen Gärten von Le Nôtre der Fall war.

Literatur:

Horst Bredekamp, Leibniz und die Revolution der Gartenkunst, Berlin 2009
Ursula Gräfin zu Dohna, Die Gärten Friedrichs des Großen und seiner Geschister, Berlin 2000
Verena Friedrich, Barocke Gartenlust in Franken, in: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Geschichte, Kunst und Kultur, Sonderheft, Würzburg 2015, S. 3-37
Otto Veh, Markgräfin Friederike Louise als Schloßherrin von Unterschwaningen, Sonderdruck Nr. 1, hg. vom Verein der Freunde Triesdorf und Umgebung e. V., Triesdorf 1985
Günter Schuhmann, Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Eine Bilddomentation zur Geschichte der Hohenzollern in Franken, Ansbach 1980
Johann Schrenk/Horst von Zerboni u.a., Geschichte der Gemeinde Unterschwaningen: Unterschwaningen – Dennenlohe – Köttenbach – Oberschwaningen, Gunzenhausen 2009
Stefan Schweizer, André Le Notre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin 2013

Aus: Carolina Schitz, Friederike Louise und ihr Baumeister Leopoldo Retty – Der Hofgarten zu Unterschwaningen im 18. Jahrhundert, Bachelorthesis, Institut für Kunstgeschichte der Philosophischen Fakultät, Julius-Maximilians-Universität: Würzburg 2020